Deutschland und Österreich stehen vor einer wachsenden Fachkräfteknappheit im Automobilsektor: von Unternehmen gemeldete Ausbildungsplätze sind im letzten Jahr deutlich zurückgegangen, während EU‑ und nationale Pilotprojekte versuchen, Tausende gefährdeter Beschäftigter umzuschulen. Diese Lücke betrifft Fahrer (weniger ausgebildete Techniker für E‑Fahrzeuge und Second‑Life‑Batterien), Händler (längere Werkstattwarteschlangen) und Zulieferer (Produktionsrisiko, wenn Kernberufe unbesetzt bleiben).

Zahlen: wo sich die Lücke zeigt

Die Bundesagentur für Arbeit berichtet, dass zwischen Oktober 2025 und September 2026 insgesamt 469.000 berufliche Ausbildungsstellen bei Arbeitsagenturen und Jobcentern gemeldet wurden – 453.000 davon betrieblich, ein Rückgang um 31.000 gegenüber dem Vorjahr. Bis zum 30. September 2026 waren noch 48.000 Ausbildungsstellen unbesetzt und nur 179.000 Personen hatten im Jahr eine Ausbildung begonnen (12.000 weniger als im Vorjahr). Diese Zahlen deuten auf eine enger werdende Pipeline neuer Fachkräfte für Werkstätten und Fabriken hin.

Gewerkschaften und Ausbildungsträger schärfen die Perspektive: Der Ausbildungsbericht der IG Metall stellt fest, dass Unternehmen in den zentralen Industrieberufen 2025 insgesamt 25.800 Ausbildungsverträge abgeschlossen haben – 9,1 % weniger im Jahresvergleich – und weist darauf hin, dass die Branche seit 2019 etwa ein Fünftel dieser Verträge gekürzt hat. Die IG Metall warnt, der Rückgang konzentriere sich auf Metall‑, Elektro‑ und Fahrzeugzulieferberufe. „Die Unternehmen drücken erneut ein bereits niedriges Niveau der Berufsausbildung weiter nach unten“, sagt IG‑Metall‑Vorstandsmitglied Hans‑Jürgen Urban.

Wie Industrie und Staat reagieren

Brüssel und nationale Stellen bleiben nicht untätig. Im Juli 2026 hat die Europäische Kommission sechs Pilotprojekte im Rahmen der European Skills Guarantee gestartet, um Automobilbeschäftigte mit Arbeitsplatzverlust‑Risiko zu unterstützen; die Ausschreibung umfasst ein gemeinsames Deutschland–Österreich‑Projekt (Transition Bridge – Industrial Automotive Cluster), das personalisierte Job‑zu‑Job‑Wege und Umschulungen für die Branche erproben will. Die Kommission stellte 14,5 Mio. € für die Pilotprojekte bereit und zielt damit auf fast 1.000 Beschäftigte in den Projekten ab.

Auf nationaler Ebene führte die österreichische Forschungs‑ und Förderagentur FFG 2026 einen Mobilitätswende‑Aufruf durch, um kooperative F&E‑Projekte und arbeitskräftebezogene Maßnahmen zu fördern (Einreichungszeitraum 27.05.2026–30.09.2026; Entscheidungen erwartet Dezember 2026), während Deutschlands Berufsbildungsbericht 2026 die negativen Effekte der konjunkturellen Abschwächung auf Ausbildungsangebote hervorhebt und eine engere öffentlich‑private Zusammenarbeit zur Stabilisierung der Berufseinstiegszahlen fordert.

Arbeitgeber in Österreich zeigen, dass das Schließen der Lücke machbar ist: Siemens Mobility Austria begrüßte am 1. September 2026 73 Auszubildende und berichtet von einer nahezu 100%igen langfristigen Übernahmequote für Auszubildende – ein Beispiel dafür, wie große Arbeitgeber Ausbildungs‑ und Einstellungs‑Pipelines halten können, wenn sie sich zur Ausbildung verpflichten.

Was das für den Markt bedeutet

Das Ausbildungsdefizit wird sich in längeren Servicewartezeiten, steigendem Lohndruck für knappe Techniker und langsameren Hochläufen für Batterie‑ und E‑Fahrzeug‑Produktionslinien niederschlagen, wenn Unternehmen keine Mechatroniker, Batterie‑Montagekräfte und Hochvolt‑Spezialisten finden. Die EU‑Pilotprojekte und nationalen Förderaufrufe können den Schlag abschwächen, doch das Volumen ist gering: Die Piloten der Kommission zielen auf rund 1.000 Beschäftigte, während in den nächsten fünf Jahren Hunderttausende von Stellen umgeschult oder ersetzt werden müssen. Ohne eine schnelle Ausweitung arbeitgebergeführter Ausbildungsplätze und gezielter öffentliche Finanzierung riskieren Deutschland und Österreich steigende Kosten für Fahrzeugwartung und eine langsamere Umsetzung von Elektrifizierungsprojekten – Folgen, die für Fahrer, Händler und Zulieferer gleichermaßen bedeutsam sind.

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Quellen: Bundesagentur für Arbeit, IG Metall, Europäische Kommission, FFG, Bundesregierung, Siemens Mobility Austria